Warum wir auch einfach mal überfordert sein dürfen: Wenn die Grenzen verschwimmen

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Langsam geht es auch dem / der Resilientesten ans Gemüt. Soziale Begegnungen fehlen überall und das damit verbundene Gefühl, unser Gegenüber zu spüren. Alles, was unser Miteinander ausgemacht hat ist verschwunden und zugegeben, auch mir fällt es schwer, eine Art Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Vor 3 Wochen habe ich eine Instagram-Umfrage gestartet, in der ich wissen wollte, wie viele meiner Freund:innen auf Instagram häufig alleine sind und im zweiten Schritt, wer sich häufig oder ab und an einsam fühlt. Während „nur“ knapp 30% häufig alleine sind, was per se noch nicht viel aussagt, fühlen sich 42% häufig oder gelegentlich einsam.

Das Ergebnis traf mich stark. Denn sich einsam fühlen bedeutet nicht, allein zu sein, sondern die Verbindung verloren zu haben. Die Verbindung zu sich selbst? Nachdem die Umfrage beendet war, fragte ich auf Instagram, wer gerade welche Herausforderungen hat in seinem Leben. Eine Antwort spiegelte die Umfrage sehr gut wieder: Eine junge Mutter sagte nämlich, dass sie keine Zeit für sich finde, weil sie den ganzen Tag mit der Betreuung ihrer Kinder beschäftigt ist. Und auch, wenn ich keine Kinder habe, so weiß ich doch was es bedeutet, sich einsam zu fühlen, obwohl man Menschen um sich herum hat. Das scheint mir das andere Extrem zu sein, nämlich immer in Gesellschaft und höchster Verantwortungsstufe. Das zerrt an den Nerven.

Wer ständig zu Hause ist, muss sich seine Tages-Struktur selbst schaffen

Ich arbeite seit 1,5 Jahren remote und habe grundsätzlich wenige Termine außer Haus. So konnte ich mich, im Gegensatz zu den Menschen, die von jetzt auf gleich ihr Büro Zuhause installieren mussten, langsam daran gewöhnen, wie es ist, wenn die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben verschwimmen. Und auch, wenn Remote-Arbeiten viele Vorzüge mit sich bringt, fehlten mir die Pausen-Gespräche an der Kaffeemaschine schnell. Wie sich im letzten Jahr allerdings rausstellte, sollte dies nur jammern auf hohem Niveau gewesen sein. Wer ständig zu Hause ist, muss sich seine Tages-Struktur selbst schaffen. Und ganz ehrlich: Ich kann es absolut nachempfinden, wenn so manch eine:r es morgens nur ungekämmt und Jogginghose tragend an ihren / seinen Arbeitsplatz schafft, welcher nach Feierabend wieder zum Küchentisch umfunktioniert wird.

Was uns jetzt hilft, ist die Einsicht, dass wir so gut handeln, wie wir gerade können

Diese Zeit aktuell fordert verdammt viel Disziplin, ein liebevolles Selbstbild und die Einsicht, dass jeder von uns so gut handelt, wie er / sie es in diesem Moment konnte. Wir dürfen guten Gewissens überfordert sein und gerne auch mal alles ätzend finden. Das ist Ok. Unser ganzes Leben lang haben Andere dafür gesorgt, dass wir Struktur in unserem Leben haben. Spätestens in der Grundschule wurde klar was es bedeutet, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein. Und das setzte sich von Vereinsleben, Ausbildung, Studium, Berufsleben fort, bis heute. Und nun fällt alles weg, was unseren Alltag getragen hat und manche von uns sind zum ersten mal wirklich darauf angewiesen, ihren Tag selbst zu organisieren – ganz egal, was da noch dran hängt.

Struktur und Routinen sind wichtig, sagt die Entwicklungspsychologie

Aus der Entwicklungspsychologie weiß man es schon lange: Routinen und gute Gewohnheiten sind wichtig für uns, weil sie uns Sicherheit vermitteln. Mit den festen Konstanten in unserem Alltag können wir die Zeit dazwischen besser für uns nutzen und das wiederum spart Energie. Am besten sind Routinen dann, wenn sie uns gleichzeitig einen Mehrwert liefern und dafür lohnt es sich, auch morgens eher aufzustehen. Wer morgens bspw. schon Sport macht, meditiert oder es sich mit einem Buch gemütlich macht, hat den Kopf frei für das, was der Tag bringt. Eine Stunde nur für sich zu haben am Morgen, bevor das Leben auf der Straße (oder in der Wohnung) erwacht, ist wie eine geschenkte Stunde.

Dabei sind Routinen keine Grenzen gesetzt. Eine Mutter, die zwischen Homeschooling, Spielplatz und Mittagessen kochen jonglieren muss, hat ganz andere Bedürfnisse als jemand, der den ganzen Tag am PC sitzt. Wichtig ist, das zu tun, was wirklich Freude macht und Ausgleich für den Tag bringt.

Die Königin des Snoozens

Ich persönlich finde früh aufstehen schrecklich. Das war schon immer so und ich erinnere mich noch gut daran, dass ich bereits als Kindergartenkind morgens weinend auf dem Bett saß, weil ich nicht aufstehen wollte. Aber ich konnte nicht liegenbleiben, weil meine -damals alleinerziehende- Mutter zur Arbeit musste. Und obwohl ich darum weiß, wie schädlich es ist, bin ich auch heute noch die Königin des Snoozens. Deshalb habe ich mir meine Morgenroutine auch abgewöhnt.

Wir haben alle einen inneren Kritiker in uns. Meiner hatte mir oft vermittelt, ich habe mein Leben nicht im Griff, weil ich es einfach nicht schaffe, morgens früher aufzustehen. Bis ich angefangen habe, mir anderer Fragen zu stellen. Nicht jede Routine und gute Gewohnheit, die auf tollen Achtsamkeits-Blogs vorgestellt werden, passt zu uns selbst. Auch, wenn ich die meisten sehr schön finde und es gerne gemacht hätte. Da die Morgenroutine aber für den Tag nachhaltiger ist, wollte ich sie Dir hier nicht vorenthalten.

Abendroutinen 4 Life!

Wenn es abends dämmert, werde ich wach. Blogposts schreiben, Buchhaltung erledigen, Backen oder putzen: Ok, dass sind nicht die förderlichen Routinen, von denen ich anfangs schrieb. Aber wenn ich mal aktiv war, fällt es mir viel leichter, mir Zeit für mich zu nehmen und auch das Abschalten, wenn noch einiges zu tun ist, will gelernt sein. Wichtig ist, dass wir mit dem, was wir für uns selbst tun, darauf achten, dass es wirklich zu uns passt.

Wichtiger als „Wie wir es tun“ ist „Das wir es tun“

Denn egal was passiert, die Verbindung zu uns selbst, ist das Einzige, was wir in diesen turbulenten und herausfordernden Zeiten brauchen. Sie stärkt uns und gibt uns psychische und physische Kraft, das zu schaffen, was noch kommt. Ob Mama oder Papa mit einem, oder mit 5 Kindern, ob Angestellte:r oder Selbstständige:r, ob Du oder ich – wir geben gerade alle unsere Bestes. Und auch, wenn unser „Bestes“ letztes Jahr noch anders aussah, ist es genau das, was wir gerade leisten können. Wir dürfen um Hilfe bitten. Und wir dürfen die Situation auch liebevoll anerkennen.

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